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Mein freiwilliges soziales Jahr in der Behinderten- und Jugendhilfe

Warum wolltest du einen Freiwilligendienst machen?

Nach meinem Abitur wollte ich nicht so viel Zeit verstreichen lassen. Ich wollte die Zeit zwischen Abi und Studium produktiv nutzen, um mich weiterzuentwickeln. Außerdem wollte ich ins Arbeitsleben hineinschnuppern und die Vor- und Nachteile einer 40-Stunden Woche kennenlernen. Meine sozialen Kompetenzen wollte ich weiter ausbauen – zum Beispiel mehr Geduld und Verständnis erlangen. Ebenso hatte ich ein großes Interesse daran, ein Jahr lang für Menschen da zu sein, für die fremde Hilfe nicht nur wichtig sondern unabdinglich ist.

Was denkst du, bringt einem ein Freiwilligendienst?

Der Freiwilligendienst zeigte mir Seiten an mir, die ich bis jetzt noch nicht kannte. Ich wurde mit Situationen konfrontiert, von denen ich es nicht für möglich gehalten habe, diese so gut bewerkstelligen zu können. Außerdem konnte ich lernen, mein Berufs- von meinem Privatleben zu trennen und Dinge nicht so sehr an mich heran zu lassen. Naja, um ehrlich zu sein, arbeite ich noch daran…

Was sind deine Aufgaben in der Einsatzstelle und wie sieht ein typischer Tag bei dir aus?

Ich habe in meinem Bereich sehr frei gearbeitet. Da ich verschiedene Aktionen mit angeleitet habe, die an verschiedenen Tagen stattfanden, hatte ich nie einen typischen Tagesablauf. Ich hatte eher einen Wochenablauf, der sich sehr ähnelte. An einen Tag war ich größtenteils in der Wohnunterkunft, am nächsten Tag hatte ich feste Termine mit Klient_innen, z.B. zum Einkaufen und an wieder einem anderen Tag leitete ich ein Angebot für Kinder (5-15 Jahre). So war jeder Tag anders.

Was hast du in deinem Freiwilligendienst gelernt?

Ich konnte lernen, mit geistig und körperlich behinderten Menschen umzugehen und auf ihre unterschiedlichen Bedürfnisse zu achten. Bei uns in der Einrichtung ist es besonders wichtig, mit unseren Klient_innen auf Augenhöhe zu kommunizieren und all ihre Probleme, wie klein sie auch sind, ernst zu nehmen. In meinem tollen Team mit komplett unterschiedlichen Charakteren konnte ich meine Fähigkeiten ausbauen, fremde Meinungen nicht nur zu akzeptieren sondern auch zu tolerieren. In einem Spielprojekt in einer Wohnunterkunft arbeitete ich mit Flüchtlingskindern und lernte durch die große Sprachbarriere auch non-verbal zu kommunizieren.

Was war der bewegendste Moment in deinem Freiwilligendienst?

Ich war mit einem Klienten, einem syrischen Flüchtlingsjungen auf dem Weg nachhause. Auf der Straße fand er eine Astgabel, die er zur Waffe umfunktionierte. Er zielte auf Menschen, also sagte ich ihm, dass er das zu lassen hat und ich es nicht gut finde, wenn Kinder mit Waffen spielen. Er willigte schnell ein und warf den Stock weg. Zwei Minuten später erzählte er mir von einem schlimmen Horrorfilm, den er heimlich gesehen hatte. Da dieser erst ab 16 freigegeben war, erzählte ich ihm, dass es auch nicht gut sei, solche Filme zu sehen, da er dadurch Albträume kriegen könne… Er blieb stehen, sah mich an und stöhnte leise in sich hinein: „ Liss, ich bitte dich. Wieso soll ich keine Horrorfilme schauen, wenn ich doch in Syrien tote Menschen auf der Straße gesehen habe?“ Ich wusste nichts zu antworten und strich ihm nur über den Kopf. Ich wollte es ihm nicht sagen, aber er hatte leider Recht.

Ein weiterer besonderer Moment war mit einer Klientin aus der Jugendhilfe, die zu einer unserer Aktionen kam. Sie legte ihre Tasche ab, sah mich an und rief: „Oh Liss, immer wenn man dich sieht, geht die Sonne auf. Da bekomme ich immer gute Laune!“ Ich freute mich sehr über diesen Satz, da gerade diese Klientin mit schlimmen Aggressionsproblemen zu kämpfen hatte. Sie hatte einen guten Tag und konnte meinen mit einem Satz verbessern.

Wieso machst du deinen Freiwilligendienst beim Elsa Brändström Haus?

Eigentlich lag das nur daran, dass sich zwei meiner Freunde schon beim Elsa beworben hatten und ich es ihnen gleichtun wollte. Allerdings hat mir meine Zeit im Elsa gezeigt, dass ich mich komplett richtig entschieden habe. Ich fühle mich im DRK und vor allem im Elsa Brändström Haus gut aufgehoben, ernstgenommen und wertgeschätzt. Bei Problemen oder Fragen standen mir immer tatkräftig die Seminarleiter_innen aus dem Elsa zur Verfügung und so hatte ich immer das Gefühl, dass ich in guten Händen bin.

„Der Freiwilligendienst zeigte mir Seiten an mir, die ich bis jetzt noch nicht kannte.“
Lisa, 19 Jahre